Die Hintergrundmelodie in uns

Wenn der Himmel hoch oben zwar blau ist, können doch die Wolken in uns pechschwarz und zermürbend sein und wie Stacheln in den Wunden unserer Seele schmerzen. Egal wie schön es vielleicht um uns herum sein mag, in uns drinnen sieht es dann oft aus wie auf einem Schlachtfeld und wir stehen in einem Tümpel, in Treibsand. Je mehr wir uns bemühen uns bewegen, umso tiefer sinken wir. Da liegen viele schmerzvolle Erfahrungen, viele Situationen, die wir gerne anders haben wollten. Und es sind manchmal Dinge, die wir nicht mehr ändern können. Dinge, die einfach so sind wie sie sind. Ohnmacht macht sich breit. Eines der schwierigsten Gefühle überhaupt, denn da zu stehen und bei etwas zuzuschauen, bei dem man merkt, etwas geht vorbei oder etwas ist geschehen, das wir aber nicht mehr ändern können, kann unsere Welt zusammenbrechen lassen. Wir wollen wirklich etwas dagegen tun, bemühen uns und sehen doch nur, dass es scheinbar zu wenig war, oder dass gar niemals eine Chance bestanden hat, das aufzuhalten. Diesen Schmerz in seiner Seele zu fühlen und wahrzunehmen, ist nicht leicht. Alles andere als leicht. Denn was ist schon leicht im Leben? Es gibt Phasen voller Freude, voller Kraft und da gibt es Phasen von tiefer Trauer und es werden Schichten in uns berührt und geweckt, die niemand haben möchte. Die sehr tief drinnen sehr weh tun.

Aber sie sind da. Diese Schichten, diese Erlebnisse, die Ohnmachtsgefühle, diese Trauer oder auch Wut darüber, dass wir nicht eingreifen können, dass es einfach geschieht. Es gibt Wunden in der Seele, die eben nie so richtig heilen. Vielleicht nur ein wenig schwächer zu spüren sind nach einiger Zeit, aber wirklich heilen tun sie nicht. Sie erinnern uns eher daran, wenn sie wieder hervor brechen, dass wir unsere eigene Hintergrundmelodie haben. Jeder von uns hat so eine ganz eigene Hintergrundmelodie, die aus unserer Geschichte entstanden ist. Eine die eben immer ein bisschen im Hintergrund schwingt und uns im Leben begleitet.

Und manchmal drängt sie sich ganz in den Vordergrund, ist ganz nah und wir hören sie plärrend laut. So laut, dass wir nichts sonst mehr hören. Es ist einfach nur Schmerz vorhanden, nur schwarze Wolken. Was sollen wir dann tun damit? Wir können uns entweder wo "hineinstürzen." In Arbeit, in Ablenkung, in Sucht, ins Denken. Wir können mit ganzer Kraft und Energie versuchen, diese Gefühle von uns wegzuhalten, wegzudrängen und nicht wahrzunehmen. Aber diese Melodie ist nicht so leicht abzuwürgen wie es scheint. Und das ist eben das was wirklich frustriert. Man fühlt sich verfolgt und in die Enge getrieben. Man will, dass "es" geht und verschwindet.

Und dann gibt es noch eine zweite Möglichkeit. Eine, die mitten hinein führt in die Melodie, in das laute Geplärr. Man umarmt dieses Gefühl, man gibt es zu. "Ja, ich bin oder war machtlos dagegen. Es stimmt." Man wagt den Schritt, stehen zu bleiben und sich umzudrehen, ganz hinzuschauen und sich auf diese Melodie einzulassen. Das tut weh. Mehr als die Flucht. Das ist wahr. Aber es ist eine ehrliche Möglichkeit, die zu uns hin führt und nicht weg. Und die Wahrheit ist: Diese Melodie wird nie ganz verschwinden.


Sie wird zwar wieder leiser und leiser werden, wenn wir uns dorthin wagen. Direkt zu ihr. Wir weinen dann, wir trauern, wir fühlen Ohnmacht. Das ist dann so. Aber es wird wieder Zeiten geben, in denen diese Hintergrundmelodie ganz in den Vordergrund tritt. Einfach indem es wieder eine Situation gibt, oft in Beziehungen, die diese Schicht stark berührt. Dann ist es wieder da dieses laute Geplärr. Und wieder begegnen wir ihm.

Diese Hintergrundmelodie gehört zu uns. Sie gehört zu unserer Geschichte und sie macht uns auch ein Stück weit aus. Dass wir manche Dinge nicht aufhalten oder rückwirkend verändern können, stimmt. Es gibt Ohnmacht. Das was wir entscheiden können ist nicht immer, ob wir etwas im Außen aufhalten oder ändern können, sondern in welche Richtung wir uns bewegen. Zu uns hin oder von uns weg. Das eine macht viel Angst, durch das andere verlieren wir uns irgendwann. Beides darf sein. Beides können wir tun. Für welche Richtung entscheidest du dich?


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​© 2019 Veritat e.U. Simon Rivière

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